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Genfer See

Nach dem Zweiten Weltkrieg reiste Hindemith verschiedene Male nach Europa, um sich von der Situation im Nachkriegseuropa ein Bild zu machen und alte Freunde wiederzusehen. Dabei machte er die Erfahrung, daß seine Dienste als Dirigent stärker gefragt waren als in den USA. Zudem erhielt er 1949 einen Ruf als Professor für Musikwissenschaft an die Universität Zürich, den er 1951 annahm. Bis 1953 kam er seinen Lehrverpflichtungen an der Yale University und in Zürich im Wechsel nach, ehe er ab 1953 ausschließlich in Zürich lehrte und endgültig Amerika verließ - zum Leidwesen seiner amerikanischen Freunde und Kollegen.

Nach ihrer Rückkehr aus den USA fanden die Hindemiths im kleinen Dorf Blonay, idyllisch oberhalb des Genfer Sees gelegen, eine neue Heimat. Der Ort lag strategisch günstig im Herzen Europas, von wo aus die Hindemiths bequem die europäischen Metropolen und andere Stationen der umfangreichen Konzertreisen erreichen konnten. Dort fand er auch die gewünschte Ruhe, um sich vom regen Konzertbetrieb zu erholen und sich seinen kompositorischen Aktivitäten zu widmen. In Blonay entstanden seine letzten Kompositionen, in denen er sich u.a. mit zeitgenössichen Zwölftonkompositionen auseinandersetzte oder intensiv Alte Musik - mit Vorliebe Vokalkompositionen - studierte und in seinen Werken reflektierte. In seinen letzten drei Vortragszyklen an der Zürcher Universität im Wintersemester 1957/58 - er war bereits seit 1955 emeritiert - beschäftigte er sich auch als Musikwissenschaftler mit den genannten Themen: eine Vorlesung handelte über Gesualdos Madrigale, eine andere, analytisch ausgerichtete widmete sich den Streichquartetten Arnold Schönbergs und die dritte behandelte Grundlagen des Tonsatzes.

Hindemiths musikalische Sprache wird nun harmonisch komplexer und ist von dichter klanglicher Polyphonie geprägt. In seiner Pittsburgh Symphony aus dem Jahre 1958 zitiert er aus der Symphonie op. 21 von Anton Webern; in seinem Orgelkonzert aus dem Jahre 1962 fügt er die im 15. Jahrhundert populäre Chanson "L'homme armé" ein und gründet den letzten Satz auf die Melodie des gregorianischen Pfingsthymnus "Veni creator spiritus", ohne daß das musikalische Gefüge stilistisch brüchig würde. In seiner letzten vollendeten Komposition, einer A-cappella-Messe, integriert er Satzmodelle verschiedener musikhistorischer Epochen und unterwirft sie seinen komplexen harmonischen Vorstellungen. Die Möglichkeit, historisch verschiedene Satzformen der altehrwürdigen Gattung Messe in ein neues Werk zu integrieren, ist für Hindemith Beleg einer überzeitlichen Naturgegebenheit des Tonsystems. Für ihn präsentieren Gattungen wie Messe, Motette oder Madrigal dank ihrer Tradition überzeitliche Ideale einer in seinen Tagen nicht mehr existenten Gemeinschaft von Komponist, Ausführenden und Zuhörern.

Die Entwicklung der Musik nach dem Zweiten Weltkrieg beobachtete Hindemith kritisch, insbesondere sah er in der zunehmenden Aufsplitterung der Musik in Teilbereiche eine große Gefahr für das Ganze der Musik. Vertreter der Neuen Musik warfen ihm eine konservative Kompositionshaltung vor und kritisierten scharf seine musikästhetischen Anschauungen. Seit Mitte der 50er Jahre äußerte er sich in Vorträgen und Aufsätzen äußerst polemisch zur zeitgenössischen Musikentwicklung und deren Repräsentanten, die sich dezidiert der Avantgarde verschrieben und sich seiner Meinung nach zu wenig um die Verankerung der Musik im gesellschaftlichen Leben sorgten. Diese skeptische Haltung machte ihn immer mehr zum Außenseiter und rückte ihn an den Rand des modernen Musiklebens.

Trotz dieser Außenseitersituation gehören Hindemiths Kompositionen, insbesondere sein Sonatenwerk, unverzichtbar zum Repertoire eines jeden Orchestermusikers. Kein anderer Komponist des 20. Jahrhunderts kann ein solch umfangreiches wie vielschichtiges Werk vorweisen.