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Unbekannter Hindemith

Humor, Sinn für Schabernack und eine gehörige Portion Selbstironie, vor allem aber ein sich nie erschöpfender kindlicher Spieltrieb zeichnen Hindemiths Charakter aus. Freunden in der Schweiz schrieb er im Dezember 1913: „Als größte Errungenschaft der letzten Monate wäre die Gründung unseres Conservatoriums-Clubs ‚Urian' zu nennen. Wir sind 6 Mitglieder (einer immer verrückter als der andere) und bezwecken hauptsächlich, uns zu amüsieren. [...] Wir machen auch Musik, jedoch solche, welche nur extra präparierte Ohren ertragen können. Am besten solche, die mit Watte zugestopft sind. Wir haben ein Drama mit Musik verbrochen, welches wir nach Neujahr aufführen werden. Auch Sie sind herzlich dazu eingeladen. Bringen Sie aber bitte gleich Aspirin mit." Der erwähnte Freundeskreis inspirierte Hindemith in den Jahren 1913-1920 zur Niederschrift von insgesamt sieben sogenannten „Dramatischen Meisterwerken" - skurrilen, bisweilen surrealistischen Stücken, deren Sujets größtenteils einen autobiographischen Hintergrund besitzen.

Zur Aufführung mit Musikerfreunden waren auch zahlreiche Gelegenheitswerke aus dem Genre der Unterhaltungsmusik und parodistische Stücke bestimmt, von denen heute nur noch Titel und Besetzung überliefert sind: so etwa der „Festmarsch: Das Grab ist meine Freude" und die „Musik für 6 Instrumente und einen Umwender" für Flöte, Klavier, 2 Violinen, Violoncello und Kontrabaß, der „Gouda-Emmental-Marsch" für Piccoloflöte, Klavier und Streichquintett, oder das „Lied mit großer Orchesterbegleitung im Stile Rich. Strauss' (Text aus einer Imkerzeitung)" für Sopran und Streichquartett. Die noch erhaltenen Kompositionen „Minimax. Repertorium für Militärorchester" (1923) und die „Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt" (1925), beide für Streichquartett, geben einen Eindruck von Hindemiths musikalischem Humor.

Hunderte von - meist kleinformatigen - Bildern, die sich im Nachlaß fanden, lassen Hindemiths bemerkenswertes zeichnerisches Talent erkennen. Er malte sie zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten in Notenmanuskripte und Kalender, auf Servietten und Tischdecken, Briefumschläge oder Notizzettel. Meist zeigen sie fantasievolle Wesen in Tier- oder Menschengestalt. Löwenfiguren, die in vielen Zeichnungen zu finden sind, symbolisieren Gertrud Hindemith, die im Sternzeichen des Löwen geboren ist.

Zu Hindemiths großen Leidenschaften gehörte das Spiel mit der Modelleisenbahn, zu dem er in den 1930er Jahren Freunde und Bekannte - darunter Persönlichkeiten wie den Pianisten Artur Schnabel oder den Dichter Gottfried Benn - in seine Berliner Wohnung einlud. Die aus der Schweiz stammende Cembalistin Silvia Kind, die damals bei Hindemith studierte, erinnert sich: „Er besaß damals 300 Meter Schienen, die raffiniertesten elektrischen Bahnen mit Fernweichen und Signalen. Sonntags konnte er sich hinsetzen und einen minutiösen Fahrplan ausarbeiten, der jedem Stationsvorstand Ehre gemacht hätte. Die Stunden im Normalbetrieb galten Minuten, die Minuten Sekunden. Wenn die Mitwirkenden bei einander waren, wurde einen halben Tag durch drei Zimmer hindurch aufgebaut. Nachmittags ging es los; jeder bekam einen Fahrplan und eine Stoppuhr und mußte einen Zug bedienen, der genau die angegebenen Halte- und Ausweichstellen einhalten und zur richtigen Sekunde ankommen mußte. Frau Hindemith erzählte, daß oft morgens um 2 oder 3 Uhr die Männer (besonders wenn Artur Schnabel - auch ein großer Eisenbahnverrückter - dabei war) erschöpft und bleich bei ihr um einen Schnaps baten."

Mit seiner Begeisterung für unterschiedliche Arten der sportlichen Betätigung entsprach das Ehepaar Hindemith den damaligen Trends der Freizeitgestaltung. In die Sommerferien des Jahres 1931 reiste ein eigens engagierter Sportlehrer mit nach Bad Tölz, der sie bei Ballspielen, Kugelstoßen oder Gymnastik betreute, und in den folgenden Jahren durchwanderten Hindemiths gemeinsam mit dem Verleger Willy Strecker auf mehrwöchigen Fußtouren den Schwarzwald, Schlesien oder die Eifel. Später brachten sie ihre Naturverbundenheit unter anderem auch durch die liebevolle Pflege ihrer Gärten zum Ausdruck.