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Dichter und Denker

Bereits in jungen Jahren begeisterte sich Paul Hindemith für Literatur und Kunst. Insbesondere die komische Lyrik Christian Morgensterns faszinierte ihn. Hindemith selbst äußert sich oft witzig-pointiert in humorvollem Ton zu Aktuellem oder zum Verhalten von Zeitgenossen. Hier eine Kostprobe seiner Ironie: "Der Triangelspieler erregte meine Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich ein Mann von bürgerlicher Wichtigkeit, mit Weib und Kind in einem schuldenfreien Hause seiner wartend. Vielleicht Besitzer einer in Fachkreisen berühmten Briefmarkensammlung, Kirchenvorstand und Ehrenmitglied namhafter Vereine ... Diese Persönlichkeit zählte ... Pausen aus und entlockte hie und da seinem triangulären Brotkorb ein Klingeling, das zu seiner Hervorbringung etwa soviel geistigen Aufwand erforderte wie das Binden eines Schuhsenkels, hinter dem aber immerhin einige Jahre Konservatorium, Diplome, Probespiele und Siege über Mitbewerber standen."

Dem Dichter Eduard Reinacher erklärt Hindemith seine Vorstellungen von der Beschaffenheit zu vertonender Texte: "Wenn ich aus einem Text ein Lied machen soll, so muß er lockere Stellen haben, die vom Dichter gewissermaßen ausgespart sind, freigelassen für den Komponisten, derart, daß die Musik hier gebraucht wird."

Nach langem Zögern und Abwägen entschließt sich Hindemith im Sommer 1933, das Leben des spätmittelalterlichen Malers Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald (um 1480-1528) zum Sujet einer neuen Oper zu nehmen. Nach seinen früheren Erfahrungen mit Textdichtern entwirft er selbst den dramaturgischen Aufbau der Oper und arbeitet auch den Text aus. Die verwickelte Entstehungsgeschichte der Oper zeugt von den Mühen und Schwierigkeiten, die Hindemith bei der Ausarbeitung des Librettos begegneten. Im Programmheft zur Uraufführung am 28. Mai 1938 im Stadttheater Zürich schrieb er zur Wahl des Stoffes und dessen Präsentation: "Vom Musiker und Bühnendichter wird man kein Werk verlangen, das den wissenschaftlichen Anforderungen eines Kunsthistorikers genügt, ihm ist aber zweifellos zuzubilligen, was einem Maler geschichtlicher Personen und Geschehnisse von jeher erlaubt war: zu zeigen, was ihn die Historie lehrte und welchen Sinn er in ihrem Ablauf erkennt. Wenn ich versucht habe, in bühnenmäßiger Form darzustellen, was ich aus den wenigen Lebensdaten des Mathis Gothart Nithart las und welche Verbindung zu seinen Werken sie mich erahnen ließen, so deshalb, weil ich mir keine lebensvollere, problematischere, menschlich und künstlerisch rührendere, also im besten Sinne dramatischere Figur denken kann als den Schöpfer des Isenheimer Altars, der Karlsruher Kreuzigung und der Stuppacher Madonna."

Von seinen drei Konzerttourneen in den Jahren 1937 bis 1939 in die USA berichtete er regelmäßig und ausführlich seiner Frau Gertrud. Diese Briefe, von ihm als "Logbuch" tituliert, vermitteln einen Einblick in Hindemiths Erzählkunst, die plastisch "das Große und Allgemeine mit der Anschaulichkeit des Details" (Walter Jens) verbindet. Einer seiner Briefe deutet bereits 1939 seine musikanschaulichen Vorstellungen an, die er dann 1949/50 in den Charles-Eliot-Norton-Vorlesungen der Harvard University erstmals formulierte und 1952 erweitert als "A Composer's World" publizierte. Den Besuch der Sternwarte auf dem kalifornischen Mount Wilson schildert er mit folgenden Worten: "In einem der Kuppelbauten, den wir betraten, ertönte Musik: Ein Photograph, der hinter dem zweitgrößten Teleskop saß und stundenlange Aufnahmen irgendeines Sternes machte, spielte sich zum Zeitvertreib in Dunkelheit und Kälte per Radio oder Grammophon die Mozart-Es dur Symphonie. Das war recht seltsam zu hören, in dieser Sternenumgebung, denn man stellt sich doch auch unter der Arbeit mit diesen Objekten so etwas wie eisiges Schweigen in der unendlichen Weite vor. Und doch war es nach der ersten Überraschung so, daß diese Musik wirklich sich mit dieser Unendlichkeit zu einem Organismus von Maß und Klang verband, in dem kein Fehler und keine Trübung störte. Ich glaube kaum, daß außer Bach und Mozart eine Musik solche Konfrontierung ausgehalten hätte!"