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Der Pädagoge

Hindemith war zeitlebens auf vielfältige Weise musikpädagogisch engagiert. Erkennbar wird dieses Engagement bereits in der von ihm verfaßten Proklamation der 1922 in Frankfurt gegründeten „Gemeinschaft für Musik". Mit dem Ziel, „die fast verloren gegangene Gemeinschaft zwischen Ausführenden und Hörern wiederherzustellen", sollte im Rahmen eines engen Mitgliederkreises „ausschließlich unbekannte neue und alte Musik für kleine Besetzung zum Vortrag kommen". Pädagogisch motiviert waren auch Hindemiths Kontakte zur Laienmusikbewegung „Die Musikantengilde" seit 1926: Mit der Komposition von Sing- und Spielmusiken hoffte er, musikalischen Laien den Zugang zu komplexerer zeitgenössischer Musik zu erleichtern.

Im Jahre 1927 war Hindemith an Verhandlungen über die Einrichtung einer staatlichen Musikhochschule in Frankfurt beteiligt. Seine Einstellung zur Frage der Musikerausbildung vermittelt ein brieflicher Bericht von einem seiner damaligen Gesprächspartner. Demzufolge war Hindemith der Auffassung, „man dränge bei der Erziehung in der Richtung auf das Virtuosentum, ohne daß ein entsprechender Bedarf und ohne daß auch die nötige Zahl entsprechend veranlagter Individuen vorhanden sei. Er redete einer systematischen energischen Gebrauchsmusikerausbildung das Wort." Gelegenheit zur Verwirklichung seiner Vorstellungen von einer umfassenden musikalischen Ausbildung erhielt er 1927 mit der Annahme einer Professur als Kompositionslehrer an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik in Berlin.

Entsprechend seiner Überzeugung, die Heranbildung zum Komponisten sei nur auf der Basis der Beherrschung aller technischen Fragen möglich, studierten seine Schüler nicht nur Kontrapunkt und klassische Harmonielehre, sondern waren auch gehalten, sich mit spezifischen Eigenheiten der Instrumente vertraut zu machen. Musikpraktische Erfahrungen auf historischen Instrumenten und die Auseinandersetzung mit neuen technischen Errungenschaften wie Radio, Film oder mechanischen bzw. elektrischen Instrumenten wie etwa dem Trautonium gehörten gleichermaßen zum Lehrplan seines Unterrichts an der Berliner Hochschule. Der Komponist Harald Genzmer, der damals bei Hindemith studierte, erinnert sich: „Er unterrichtete sowohl Harmonielehre, Kontrapunkt und Fuge und im Anschluß daran freie Komposition. Ich erinnere mich noch genau an ein Seminar, in dem über alle bisherigen Harmonielehren referiert wurde, wie die von Tschaikowsky, Louis Thuille, Schönberg usw.[...] Der freie Kompositionsunterricht begann mit einfachen leichten Aufgaben. Etwa damit, ein Holzbläser-Trio zu schreiben, einen Zyklus für Blechbläser zu entwerfen oder ein Stück für Streichorchester zu komponieren. Dem folgten Lieder oder ein Variationenwerk für Klavier, bis schließlich die gewonnenen Erfahrungen in dem Problem gipfelten, ein Streichquartett zu schreiben [...]. Als Abschluß dieser kleineren Arbeiten ergab sich die Aufgabe, ein Werk für großen Chor a cappella zu schreiben. [...] Hindemith war als Lehrer niemals ironisch, aber stets sehr genau und unerbittlich in seinen Forderungen. Jede satztechnische Schlamperei war bei ihm verpönt, und mancher der jungen Leute war der Strenge seiner Forderungen einfach nicht gewachsen."

Das im Berliner Unterricht entwickelte schematische Gerüst seiner Lehrinhalte übernahm Hindemith später - erweitert um Aspekte der Musiktheorie oder Musikgeschichte - auch an der Yale University und an der Universität Zürich.

Nach Hindemiths Auffassung macht freilich auch die perfekte Beherrschung des Handwerkszeugs den Tonsetzer nicht zu einem wirklich großen Komponisten. Dieser müsse vielmehr von einer musikalischen Vision inspiriert werden, bei der ihm „im plötzlichen Aufleuchten eines schöpferischen Moments ein Musikstück in seiner völligen Ganzheit erschiene, mit jedem seiner Bauglieder an der rechten Stelle. [...] Technische Kenntnisse können immerhin von jedermann erworben werden, während die klaren Visionen das Vorrecht der wahren schöpferischen Begabung sind."