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Aufbruch

Paul Hindemith wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Seine Vorfahren stammen aus dem Schlesischen, sein Vater war Weißbinder im Frankfurter Raum, seine Mutter, Maria Sophie, geb. Warnecke, entstammte einer Schäferfamilie. Nur mühsam vermochte der musikliebende Vater seine Familie zu ernähren, legte aber größten Wert auf eine strenge musikalische Ausbildung seiner drei Kinder Paul (*1895), Antonia (*1898) und Rudolf (*1900). Daß körperliche Züchtigung zu den Erziehungsmethoden gehörte, zeigt ein Brief des Vaters an Emma Ronnefeldt, eine Förderin des jungen Paul: "Ich habe einmal in meinem Leben unseren ältesten mit 3 Jahren zu meinen Eltern gegeben bis zu 6 Jahren. Wie ich den Jungen fortgab, hatte ich ihn in punkto Gehör & Musik recht schön hoch geschafft & und wie ich ihn zur Schule holte, war der Junge total verdorben. Trotzdem waren meine Eltern feine gebildete Leute, aber sie waren alt & das Enkelchen war dort so ein junger Herrgott, das hat der Bengel die erste Zeit büßen müssen, bis der Pfiff wieder drinnen war."

Als "Frankfurter Kindertrio" schickte der Vater seine Kinder – Paul spielte Geige, Antonia Klavier, der jüngere Bruder Rudolf Cello – über die Dörfer seiner oberschlesischen Heimat, wo sie Bearbeitungen bekannter Unterhaltungsmusik zum Besten gaben. Ersten geregelten Violinunterricht erhielt Paul seit 1905 von der Geigerin Anna Hegner, die ihn bald dem renommierten Geiger, Lehrer am Hoch'schen Konservatorium und Konzertmeister des Frankfurter Opernorchesters, Adolf Rebner, empfahl. Pauls außerordentliche Begabung und seine verantwortungsbewußte und zurückhaltende Art ermöglichten ihm Kontakte zu etablierten bürgerlichen Familien, die ihn materiell unterstützten und seine künstlerisch-literarischen Interessen förderten.

Neben Unterricht im Geigenspiel studiert Paul Komposition bei Arnold Mendelssohn, ab 1913 bei Bernhard Sekles, er spielt in Kurkapellen in der Schweiz während der Sommerferien und nimmt im selben Jahr eine Stelle als Konzertmeister im Frankfurter Neuen Theater an. Seit 1915 – sein Vater meldet sich nach Ausbruch des Krieges als Freiwilliger und fällt im September des Jahres – übernimmt er die Konzertmeisterstelle an der Frankfurter Oper und fühlt sich für seine Mutter und Geschwister verantwortlich. Außerdem fungiert er als Geiger und Bratscher im Streichquartett seines Lehrers Rebner. Die in dieser Zeit entstandenen Kompositionen op. 1-9 spiegeln Kompositionstendenzen der Jahrhundertwende wider und demonstrieren die Souveränität, mit der der junge Komponist Klangtechniken der musikalischen Avantgarde (Schreker, Strauss oder Reger) beherrscht. Selbstkritisch äußert er sich in späteren Jahren in seinem Werkverzeichnis zu jenen Stücken: "Um diese Zeit bin ich herumgewackelt und wußte nicht, was los ist. Aber schließlich bleibt einem doch nichts übrig, als zu komponieren."

Im August 1917 wird Hindemith zum Kriegsdienst eingezogen, im Januar 1918 fährt er zu seinem Regiment an der Elsässer Front. Er leistete als Trommler und Primarius eines aus Soldaten rekrutierten Streichquartetts seinen Dienst und schob seit Mitte des Jahres 1918, als sein Regiment nach Flandern verlegt wird, Wache und schanzte Stellungen. Trotz der furchtbaren Eindrücke des Krieges komponiert er, allerdings Werke, die Distanz zu den Kriegserlebnissen einnehmen und sich jeglicher Weltanschauung enthalten.

Nach dem Krieg ist Hindemith musikalisch überaus aktiv und produktiv. Es entstehen Stücke unterschiedlichen Charakters, teils von volksliedhaften Elementen, teils von moderner Tanzmusik geprägt. Nach regionalen Erfolgen seiner Kompositionen wird der Mainzer Schott-Verlag im Jahre 1919 auf den jungen Komponisten aufmerksam. Die überaus stürmische Entwicklung des Komponisten in den folgenden Monaten irritiert zunächst die Verlagsleiter Ludwig und Willy Strecker, doch schon bald entstand ein gegenseitiges Vertrauen, das die Basis einer lebenslangen, freundschaftlichen Partnerschaft bildete.

Der Durchbruch gelingt Hindemith im Jahre 1921, als sein 3. Streichquartett op. 16 bei den ersten "Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst" von einem ad hoc gebildeten Quartett, bestehend aus den Geigern Licco Amar und Walter Caspar sowie Paul und Rudolf Hindemith. Schlagartig gelangte der Komponist in den Mittelpunkt künstlerischer Interessen und avancierte bald danach zum Aushängeschild der musikalischen Avantgarde. Was faszinierte das Publikum an diesem Stück? Wohl begeisterten der rhythmische Schwung und der urtümliche Spielbetrieb dieser Musik, die klar strukturiert in ihrem formalen Aufbau ohne große Mühen erfahrbar war.